Fachartikel
Mobilmachung in der Welt der Smartphones
Auch in diesem Jahr traf sich die Mobilfunk-Branche in Barcelona zum Mobile World Congress, um sich über die neusten Trends und Technologien auszutauschen. Wie in 2010 hat PASS für Sie auch in 2011 den MWC besucht und berichtete im Rahmen der TelCo Talk Veranstaltungsreihe "Smart Wars Episode II" am 24.02.2011 über die aktuelle Marktsituation, die angekündigten Produkte und Dienstleistungen für 2011, sowie über mögliche Szenarien mit mittelfristiger Perspektive.
Der Mobile World Congress (MWC) wird jährlich, zuletzt vom 14. bis zum 17.02.2011, in Barcelona durch die GSMA (Global System of Mobile telecommunication Association) veranstaltet. Für die Mobilfunk-Branche ist er die wichtigste Veranstaltung des Jahres. Es finden sich dort sowohl Aussteller für Netz-Infrastruktur und Mobilfunkgeräte, wie auch Mobilfunk-Betreiber und App-Entwickler. Neben den fast 1400 Ausstellern, werden Konferenzen und Vorträge zu diversen Themen angeboten. Zu den prominenten Rednern gehörten in 2011 unter anderem Steve Ballmer von Microsoft, Eric Schmidt, (noch) CEO von Google, Stephen Elop von Nokia u.v.m.
Um unseren Kunden einen Überblick zu den zu erwartenden Trends der Branche zu gewähren, haben wir im Rahmen der TelCo Talk Veranstaltungsreihe "Smart-Wars" in das PASS Performance Center im Skyper-Hochhaus in Frankfurt eingeladen.
Marktbeobachtung und Herausforderung für Betreiber
Bei einer Weltbevölkerung von fast 7 Mrd. Menschen prognostiziert Wireless Intelligence, dass im Jahr 2011 drei Viertel der Weltbevölkerung zumindest statistisch ein Mobilfunkgerät besitzen werden. Diese Zahl spricht Bände im Hinblick auf die Bedeutung des Mobilfunk-Sektors für die infrastrukturelle Entwicklung der Weltbevölkerung. Da klingt es fast nebensächlich, dass für das gleiche Jahr 4,2 Mio. LTE-Nutzer¹ in 24 Ländern erwartet werden. Dennoch, die Erwartungen der Branche in die neue Technologie sind hoch. Dies gilt insbesondere für den deutschen Mobilfunkmarkt, der mit 108,6 Mio. Teilnehmern bei 81,7 Mio. Einwohnern deutlich gesättigt erscheint. Der faktische, kommerzielle Start für LTE in Deutschland beginnt in 2011.
Die Hoffungsträger für eine weitere Marktdurchdringung sind die Smartphones und Tablett-PCs. Die aktuelle Generation dieser Endgeräte, die mit dem iPhone eine neue Ära der Marktakzeptanz erreicht haben, stellt dabei die Benutzererfahrung in den Vordergrund. Dies wird auch in dem Nutzungsverhalten deutlich: Jeder Anwender nutzt diese Endgeräte durchschnittlich 667 Minuten im Monat für geladene Apps, 671 Minuten für Nachrichten, 531 Minuten für Telefonie und 422 Minuten² für mobiles Web-Surfen. Dies verdeutlicht, warum die Thematik Apps für Smart-Devices bei dem diesjährigen MWC eine besondere Aufmerksamkeit genossen hatte. Denn mit Apps wird auch Geld transferiert: Die App-Stores von Apple, RIM, Nokia und Google haben laut IHS Screen Digest Research insgesamt 2,155 Mrd. USD in 2010 umgesetzt. Davon entfallen nach deren Einschätzung alleine 1,782 Mrd. USD auf den Apple App-Store. Dies wird auch im Datenvolumen deutlich, denn nach Analysen von Wireless Intelligence erzeugen iPhones durchschnittlich 200% des Datenvolumens gegenüber Android-Geräten. Der Android-Plattform wird jedoch mit 861,5% der größte Zuwachs im App-Store für 2011 prognostiziert.
¹LTE steht für Long Term Evolution. LTE ist ein Mobilfunkstandard, der als UMTS-Nachfolger gilt.
²Wireless Intelligence (wirelessintelligence.com)
In diesem Geschäft haben die Mobilfunkanbieter das Nachsehen: Nachdem für die Nutzung der Apps durch die Anwender inzwischen mehr Zeit investiert wird, als für konventionelle Dienste wie Telefonie und SMS, konzentriert sich die in Anspruch genommene Dienstleistung immer mehr auf Datenübertragung, die Netzwerkbetreiber werden reduziert zu sog. „Bit Pipes“, d. h. reine Breitband- Zugangsanbieter. Aus diesem Grund optimieren die Betreiber ihre Kosten in dieser Hinsicht. Mittels LTE erfolgt eine Umstellung der Telefonie-Infrastruktur auf IP-Technologie.
Durch die Erhöhung des Drucks auf die Mobilfunk-Betreiber und die Gefahr der Reduktion als Bit-Pipe, suchen sie nach neuen Geschäftsfeldern. Für das Jahr 2011 steht daher bei den Carriern im Fokus:
- Ausdehnung der Mobilfunknetze in Afrika und Indien.
- Schaffung von neuen Geschäftsfeldern über die Wholesale Applications Community. Das ist ein Zusammenschluss einer Vielzahl von Mobilfunkanbietern und -Herstellern zur Schaffung eines Plattform-übergreifenden App-Stores und der Forcierung von Mobile Payment.
- Schaffung von neuen Geschäftsfeldern über Carrier-Cloud-Services, wie beispielsweise Consumer-Media, Kommunikation, Business IT, M2M, etc.
- Schaffung von neuen Geschäftsfeldern über Mobile Money- und Mobile Health-Services
- Kooperationen der Carrier in den Nicht-Heimatmärkten
- Trennung von nicht profitablen Märkten
Herausforderung für Smartphone-Hersteller
Auch die Smartphone-Hersteller stehen unter Wettbewerbsdruck. Der Erfolg von Apple und Google führte insbesondere zu einer strategischen Partnerschaft zwischen Nokia und Microsoft. Es wird spannend, ob die beiden Branchengrößen gemeinsam die verlorenen Marktanteile im Smartphone-Markt zurückerobern können. Die Marktverhältnisse waren in der Vergangenheit deutlich anders. Nokia besetzte frühzeitig mit dem Communicator dieses neue Terrain und Microsoft konnte erfolgreich eine Vielzahl von OEMs für die Windows-Mobile Plattform und Stifteingabe begeistern. Das iPhone änderte jedoch im Jahr 2007 vieles, so auch die Art der Eingabe. Der Touchscreen wurde mit mehreren Fingern bedienbar und massentauglich. Fingergesten wurden zum Defakto-Standard. Doch auch der Branchenprimus muss sich gegen den starken Wettbewerb, insbesondere aus dem ideenreichen Lager der Android-Gemeinde rüsten. Die aktuellen Endgeräte, deren Release-Zyklus derzeit ein Jahr beträgt, müssen sich ständig gegenüber den OEM-Partnern von Android beweisen. So tritt beispielsweise das hochauflösende Retina-Display von Apple gegen das sparsame und farbenreiche Samsung Super-AMOLED+ oder das 3D-fähige LG-Display an. Auch das iPad bekommt im Jahr 2011 deutlich Konkurrenz. Während es im Jahr 2010 lediglich vom teureren Samsung Galaxy-Tab und dem erfolglos vermarkteten WeTab herausgefordert wurde, haben für 2011 nahezu alle Anbieter ein entsprechendes Endgerät angekündigt oder bereits in den Markt eingeführt. Viele Geräte davon basieren auf der speziell für Tablet-PCs konzipierten Fassung von Android mit dem Namen "Honeycomb".
Wie sich diese Endgeräte in der Zukunft entwickeln werden, lässt sich schwer vorhersagen. Wahrscheinlich wird man zunehmend Mehrkernprozessoren und hohe Displayauflösungen vorfinden. Voraussichtlich wird Near Field Communication (NFC) bis zum Ende des Jahres in den Endgeräten integriert werden. Erste Geräte sind bereits verfügbar.
Trends
Grundsätzlich kann man in der gesamten Mobilfunkbranche folgende Trends bis 2020 beobachten:
- Es werden sich weitere Sensoren in den Smart-Devices befinden, die Umgebungsdaten auswerten können. Zu diesen gehören möglicherweise Feuchtigkeit, Temperatur, Gerüche, Puls, Blutdruck, etc.
- Das in den kommenden Jahren eingeführte Mobile Payment wird an Marktakzeptanz gewinnen, da es die große Chance für Mobilfunkbetreiber darstellt, sich nicht auf eine Bit-Pipe zu reduzieren.
- Gerätehersteller werden ihre Plattformen mit NFC-Technologien ausstatten, denen das Mobile Payment in der Nutzung wesentliche Mehrwerte verschafft.
- Vermutlich werden Smartphones mit mehr Intelligenz ausgestattet, beispielsweise ist es denkbar, dass diese Geräte mehrere Benutzerprofile für den privaten und geschäftlichen Gebrauch verwalten. Damit sollte es der Vergangenheit angehören, mehrere Mobiltelefone mit sich zu führen.
- Ausbau des Mobilfunks in Entwicklungs- und Schwellenländer. Diese können infrastrukturell nur mit Mobilfunk erschlossen werden und bieten wesentliche Umsatzpotenziale.
- Der Einsatz von Smartphones und Mobil-Technologie wird im medizinischen Bereich bedeutsam. Hier könnte eine Erste-Hilfe-App wie beispielsweise die PASS Notfall-Hilfe HD der Schlüssel einer Prozesskette sein, die einen Erstversorgungs- und Rettungsprozess durch Prozessautomatisierung und Prozessvisualisierung auf mobilen Endgeräten optimiert.
- Die Bedeutung des "Internet der Dinge", also der M2M-Kommunikation, wird weiter zunehmen. Autos und Telemetrie-Systeme werden untereinander kommunizieren, um Prognosen und bessere automatisierte Entscheidungen in den jeweiligen Situationen treffen zu können.
- Weiterentwicklung einer „Network-Society“ auf Basis von mobilem Breitband (LTE) und Smart Clouds.
- Eventuell auch eine Instant-Übersetzung in der Kommunikation
Das Online-Portal Wireless Intelligence prognostiziert bis 2015 in Zahlen:
- 300 Mio. LTE-Nutzer in 55 Ländern
- 4% Marktanteil von LTE weltweit (Asien/Pazifik: 43%, West-Europa: 24%, Ost-Europa: 5%, USA/Kanada: 18%, Nahost: 5%, Südamerika: 4%, Afrika: 1%)
Zukunftsvisionen
Die Zukunft vorherzusagen ist keine leichte Angelegenheit. Daher sind die erarbeiteten Perspektiven nur ein Abbild der Vorstellungskraft, die sich aus dem Bekannten ableitet. Man kann demnach die Zukunft nur anhand dessen voraussagen, was man aus der Vergangenheit gelernt hat und bereits heute weiß. Revolutionäre Produkte wie beispielsweise das iPhone, das ohne Zweifel eine Branche revolutioniert hat, basieren auf Technologien und Ideen, die zuvor nicht unbekannt waren. Völlig neue Ansätze stellen sich oftmals als wenig innovativ heraus, da sie für die potenziellen Käufer ein Ausreißen aus bekannten Denkmustern erfordern. Die Entwicklungsschritte müssen aber für die Konsumenten "verdaubar" sein. Es geht daher um die Verknüpfung von bestehenden Ideen zu einer neuen Idee.
Ein Beispiel für eine solche innovative Idee stellt das Konzept von Designer Kristian Ulrich Larsen dar. Das sog. "Flip-Phone" unterscheidet sich stark von bisherigen Smartphones, dennoch benutzt es Technologien, wie z. B. Touchscreens und das Android-Betriebssystem, die heute bereits verfügbar sind. Das Flip-Phone differenziert sich durch eine neuartige Interaktion, die auf aktuelle Touch-Technologien aufbaut. Es besitzt 3 Bildschirme, die situativ auf unterschiedliche Art und Weise und in unterschiedlichen Kombinationen eingesetzt werden können. Sie lassen sich zum Lesen eines Buches aufklappen. Die zwei sichtbaren Bildschirme stellen dabei zwei Buchseiten dar. Der Nutzer kann die Buchseiten blättern oder Inhalte über die Bildschirme hinweg frei bewegen. Das Flip-Phone besitzt auch eine echte Tastatur. Alle Elemente sind mit Gelenken verbunden, so dass man das Gerät in verschiedene Kombinationen falten kann. Dabei löst es Probleme, die erst mit der aktuellen Smartphone-Generation entstanden sind: Mehrere Apps können auf den Bildschirmen parallel laufen. Der lästige Wechsel von einer zur anderen Applikation entfällt.

- What is being creative? from Kristian Ulrich Larsen
Nähere Informationen zum Flip-Phone finden Sie unter: http://idkul.com/presentation/flipphone.html
Etwas weitergreifend ist das Nokia Konzept mit dem Namen "Morph". Hier kommen neuartige Materialien aus der Nanotechnologie zum Einsatz. Diese Materialien können beispielsweise jede Form oder Optik annehmen und wieder zur Ausgangsform zurückfinden. So kann man das Telefon als Armreif tragen und Schaltflächen können sich dynamisch erheben. Die verwendeten Materialien stehen nach Aussagen von Nokia bereits im Labor zur Verfügung. Für die Marktakzeptanz müssen vermutlich noch einige Iterationsstufen von Smartphones geschaffen werden. Aus diesem Grund werden wir vermutlich noch einige Jahre auf solche Smartphones warten müssen.
Nähere Informationen zum Nokia Morph Konzept finden Sie unter: http://research.nokia.com/morph
Während des Business Talk bei PASS stellten wir die provokante These auf, dass die jetzigen Smart-Devices auf wesentlich intensivere Art die Aufmerksamkeit an sich ziehen werden: Man werde mit Maschinen kommunizieren und Gefühle lieber in Social Networks als direkt mit Menschen teilen. Künftig würden die Maschinen sich unauffälliger verhalten und simplifiziert werden.
Sehen Sie das auch so? Schreiben Sie uns Ihre Meinungen dazu an telco@pass-consulting.com.
Es bleibt spannend, ob und wie die erwarteten Entwicklungen eintreten werden. Wir werden dies im Rahmen einer weiteren „Episode“ der Veranstaltungsreihe „Smart Wars“ begleiten.
Die PASS Business Unit TelCo ist innerhalb der PASS Gruppe auf IT- und Business Consulting von Unternehmen der Branche Telekommunikation spezialisiert.
Die Telekommunikationsbranche verstehen
Speziell im wettbewerbsintensiven Telekommunikationsmarkt mit seinen kurzen Produktzyklen sind von uns, wie von unseren Kunden, Flexibilität und Agilität gefragt. Die Business Unit TelCo unterstützt Unternehmen bei der Konsolidierung ihrer IT und ihrer Geschäftsprozesse, insbesondere bei der Optimierung des Ordermanagements. Darüber hinaus berät das Team zu aktuellen Trendthemen, von Apps über Next Generation Networks, Quadruple Play, IT Security und Datenschutz, bis hin zu konvergenten Rechnungen und führt entsprechende Projekte auf Gewerkbasis durch.




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